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Dr. Lars Sievert
FA
für Allgemeinmedizin Naturheilverfahren
Chirotherapie, Osteopathie Akupunktur, Notfallmedizin
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Filosofische Betrachtungen
Was ist Filosofie?
Filosofie versteht sich als engagierte Philosophie. Filosofieren heißt bewusstes Denken in eine bestimmte Richtung: in Richtung auf Herrschaftsminimierung und Entwicklung eines neuen Begriffs von Menschenwürde und Freiheit. Und hierin unterscheidet sich Filosofie von der traditionellen Philosophie unserer Kultur, die immer wieder versucht hat, allgemeingültige, totalitäre Wahrheiten als "objektiv richtige" anderen aufzudrücken. Im übrigen nutzt Filosofie alle "Quellen der Wahrheit". Nicht nur Texte werden da herangezogen. Die alltägliche Lebenserfahrung spielt eine ebenso wichtige Rolle (Politik, Kultur, Beziehungskisten etc.). Im Alltag trifft jede/r viele grundlegende Entscheidungen. Wenn wir nun filosofieren, geht es uns auch darum, diese Ebene bewusst zu machen.
Filosofische Texte
sind in der Regel "polylektisch" entstanden. Bisher war Philosophieren
meist ein einsames Geschäft. Bestenfalls zwei Philosophen führten Scheindialoge
(die sich der Autor doch nur ausgedacht hatte). Klassisches Beispiel dafür
sind die „platonischen Dialoge“. Diese Art einsamer Pseudo-Dialektik wurde
später aufgegriffen und systematisch von Hegel auf die Spitze getrieben.
Erst die Kritische Theorie schaffte den Sprung in wirkliche Dialektik:
Zwei ihrer Hauptvertreter, Theodor Wiesengrund Adorno (1903-1969) und
Max Horkheimer (1895-1973) setzten sich zusammen und schufen "gemeinsam"
das Werk "Dialektik der Aufklärung". Dieses Werk ist in seiner
Vielschichtigkeit und seiner inneren Logik bisher kaum übertroffen worden.
Filosofie geht nun noch einen Schritt weiter: Sie etabliert sich in freien
filosofischen Foren, in denen sich Menschen verschiedenster Professionen
und Lebenswelten zu Gesprächen zu filosofischen Themen zusammenfinden.
Aus diesen Gesprächen werden Lebenskonzepte, Handlungsstrategien aber
auch Texte entwickelt, die dann gemeinsam durchgegangen und modifiziert
werden. Diese Form der „Polylektik“ unter Filosofinnen und Filosofen ist
im philosophiegeschichtlichen Kontext bisher noch nicht beschrieben worden.
Die Philosophen-Schulen der Antike, der Neuzeit und der Moderne waren
und sind bis heute hierarchisch strukturiert.
Wirklich freiheitliche Gespräche sind in solchen gesellschaftlichen Zusammenhängen,
in denen z. Z. professionell philosophiert wird, nicht möglich. Z. B.
hat der Seminarleiter oder die Seminarleiterin durch ihre/seine Autoritätsstellung
und den institutionell vermittelten Leistungsdruck immer noch eine hervorragende
Stellung, die traditionell immer wieder ausgenutzt wird, um unliebsame
Gedankengänge zu unterdrücken.
Ähnliche Konzepte wie das polylektische Konzept von Filosofie vertreten einige feministische Philosophinnen-Gruppen in den letzten Jahrzehnten. Der von ihnen in den Vordergrund gerückte Emanzipationsansatz von Frauen, trifft sich in vielem mit dem der Filosofinnen und Filosofen. Ich denke dabei z. B. an die italienische Frauengruppe Diotima.
Bewährte Regeln des Filosofierens:
1. Einander ausreden lassen - aufeinander beziehen (wir wollen doch was voneinander haben)
2. Solidarische Kritik - darauf achten, einander nicht unnötig zu verletzen
3. Vorsicht mit
Zitaten von sogenannten Autoritäten - sie können hilfreich sein, aber
auch
verwirren und ablenken. Zitate geben Hinweise, mit welchen Autoren man/frau
sich näher
beschäftigen kann - oder auch nicht. Wichtiger ist, ob das Gesagte die
Diskussion weiterbringt.
Ein Zitat von einer "Autorität" ist genau so zu betrachten,
wie ein Gedanke irgend eines
"Unbekannten".
4. Die Redezeit muss in einem konsensfähigen Rahmen sein - es geht nicht um Selbstdarstellung der Redner oder Rednerinnen, sondern um das filosofische Problem
5. Vorsicht beim Festlegen von Definitionen - es entsteht dadurch leicht ein autoritärer Diskussionsstil.
6. Quellen der Filosofie sind Texte, alltägliche Lebenserfahrung, Politik etc. - Zugelassen ist eigentlich jedes Argument...
7. Gegenstand der Betrachtung sind filosofische Probleme der Anwesenden
8. Die Gruppengröße sollte so sein, dass jeder und jede zu Wort kommen kann (10 bis 15 Menschen), und ein einander Kennenlernen möglich ist. Bewährt hat sich am Anfang eine kurze Vorstellrunde. Geschlechterparität (und bei einigen Themen getrenntgeschlechtliche Vordiskussion) ist erfahrungsgemäß von Vorteil.
9. Protokollieren liefert die Möglichkeit, an Themen weiterzuarbeiten und Denkfehler oder Missverständnisse aufzudecken.
10. Filosofie wehrt sich gegen jede totalitäre Logik - auch eine Dialektik, die ständig polarisiert ("entweder - oder"). Diese klassische Logik hat eigentlich monologischen Ursprung - Der klassische Philosoph denkt allein nach (Dialoge sind meist getarnte Monologe). Libertäre Filosofie ist demgegenüber eher "polylektisch", bunt, vieldimensional - eben ein Ergebnis des Austauschs der je Anwesenden. Das Leben lässt sich nicht in totalitäre Denksysteme zwingen...
11. Eine zeitliche Begrenzung ist oft anzuraten, da die Konzentration doch mit der Zeit nachlässt - ca. dreiStunden haben sich bewährt.
Grundsätzlich ist Filosofie nicht einfach durch ein Buch zu fassen. Ein Referat über Filosofie darf nicht mit Filosofie selber verwechselt werden. Filosofie wird nur sichtbar, wenn mensch filosofiert. Ein Buch über Filosofie, ein Buch, das Ergebnisse filosofischer Foren zusammenfasst und darstellt, ist niemals selbst filosofisch. Bestenfalls regt es den Leser oder die Leserin an, zu filosofieren. D. h. es regt Menschen an, selber über filosofische Probleme (d. i. die Welt und Umgebung) nachzudenken und sich untereinander über diese Themen nach oben skizzierten Regeln auszutauschen.
Im übrigen ist es natürlich jeder und jedem freigestellt, diese Empfehlung anzunehmen oder nicht: Es geht hier eben nicht darum, die Gedanken des Autors "nachzuvollziehen" und dann referieren zu können. Wäre das das einzige Ziel dieser Übung, könnte man sich getrost anderen Gedächtnistrainingsformen widmen. Erst durch das Wagnis, selber nachzudenken und nicht einfach von jemand anders Gedanken aufoktroyieren zu lassen, macht Filosofie zu einer emanzipatorischen und libertären Angelegenheit.
Da meist sprachlich filosofiert wird und da sich insbesondere diese Darstellung von Filosofie der Schrift bedient, ist es sinnvoll, sich die Grenzen und Möglichkeiten der Sprache bewusst zu machen, will mensch die Grenzen und Möglichkeiten von Filosofie ergründen. Es wäre aber sehr verkürzt, wenn mensch davon ausgehen würde, dass Filosofie immer sprachlich sei. So gibt es unter anderem logisch formalisierte, bebilderte, als Musik notierte, als Bewegungsmuster geformte, sprachlich nicht faßbare chaotische Filosofieansätze.
Der Vielfalt sind keine Grenzen gesetzt - jedenfalls keine prinzipiellen:
denn Prinzipien gibt es nur, wenn mensch so will...
so mein Filosofie-Vorschlag.
Wovon können
wir in einer filosofischen Systematik ausgehen?
Was soll als gesichert gelten?
Wo ist der feste Punkt, um den sich alles drehen kann?
Worauf wollen wir uns einigen?
Diese oder ähnliche
Fragen müssten wir beantworten, wenn wir uns in traditioneller Weise um
eine allgemeingültige Definition des Anfangs von der „einzig wahren“ Philosophie
bemühen würden.
Wie viele Philosophen würden wir den verschiedenen Ausgangspunkten einen
weiteren Standpunkt hinzufügen. Oder wir würden uns auf einen der Vordenker
beziehen und seinen Ansatz einfach übernehmen - oder modifizieren.
Und dies wäre dann alles haarklein zu begründen, so dass wir uns nicht
darum sorgen müssten, wie wir die nächsten Seiten - mehr oder weniger
mit Zitaten - einigermaßen intelligent oder gebildet fühlen könnten. Diese
Art des Philosophierens führt uns aber immer weiter von uns selbst weg.
Sie lenkt ab von der eigenen Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit
angesichts der drängenden Fragen der Jetztzeit.
Es ist in der Tat heutzutage schwierig, positive Gedanken zu finden, die helfen können, die Alltagsprobleme zu bewältigen. Demgegenüber wird das Negative ständig betont: Von Öko-Katastrophe, Börsenkrach, Verfall des Sozialstaates, Ausländerhass und Bildungsnotstand kann man in jeder Tageszeitung lesen.
Wir können, wenn wir wollen, allerdings jederzeit eine beliebig positive Basis für unsere filosofischen Betrachtungen schaffen. Es geht dabei nicht primär um abstrakte Gedankengebäude, sondern um die Modifikation und Beschreibung der Lebensform, die wir gerade mit anderen teilen. Dazu gehört neben der Betrachtungsweise und der Auswahl der für das jeweilige Sprachhandlungsspiel relevanten Tiefengrammatik auch der Wille, so und nicht anders jetzt überhaupt sprachspielen zu wollen. Sonst sollte mensch es lieber gleich lassen, bzw. das Filosofieren auf einen anderen Zeitpunkt vertagen.
Filosofie kann naturgemäß an jedem beliebigen Punkt begonnen werden. So kann mensch darin einen Versuch sehen, Klarheit zu gewinnen über sich und andere - und in dem hier vorliegenden Fall bedienen wir uns der Mittel sprachlicher Reflexion, die einer logisch-kritischen Analyse zugänglich ist.
Und das Beste: Filosofie kann auch an jedem beliebigen Punkt beendet werden ...